Soll mein Kind schon vor der Schule lesen und schreiben lernen?

Soll mein Vorschulkind schon lesen und schreiben lernen?

Alle Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass sie mühelos lesen und schreiben lernen. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Ist je früher (vor dem Schuleintritt) desto besser?

Wie du herausfindest, ob dein Kind bereit ist und wie du es erfolgreich unterstützen kannst, erfährst du hier:


Das Fundament für Lesen und Schreiben bilden die sogenannten Vorläufer-Fähigkeiten. Man weiss, dass Kinder, die diese gut meistern, leichter und erfolgreicher lesen und schreiben lernen. 

 

Inhalt:
1. Das sind die 5 Vorläufer-Fähigkeiten:
Symbole und Signalwörter erkennen
Interesse für Wörter und Geschriebenes entwickeln
Einer erzählten Geschichte folgen
Buchstaben erkennen, Text wahrnehmen
Einen Sinn für den Klang der Sprache entwickeln
2. Und so förderst du sie gezielt:
Tägliche Kuschel-Vorlese Momente
Lustvolle Experimente mit Sprache und Klang
Symbole entziffern leicht gemacht
Buchstaben ganz gemütlich kennenlernen

Das sind die 5 Vorläufer-Fähigkeiten:

Wie gut muss mein Kind lesen und schreiben können beim Schulstart?

Symbole und Signalwörter erkennen

Buchstaben sind eigentlich nichts anderes als Symbole, die „wir Leser“ genau gleich entziffern. Bevor dein Kind nun diese sehr abstrakten Symbole lernt, ist es sinnvoll, dass es überhaupt Hinweise, Bildzeichen und „Geheimzeichen“ kennenlernt. Es beginnt also mit Situationen deuten (z.B. ausgebreitete Arme, Finger vor dem Mund). In diesem Video von kinder-4.ch siehst du, wie die Mutter ihrem Kind Symbole erklärt.

Interesse für Wörter und Geschriebenes entwickeln

Es will wissen, „was da geschrieben steht“, denn bei Geschriebenen kommt es zu mehr Informationen. Dein Kind ahnt bereits, dass Lesen die Welt öffnet!

Einer erzählten Geschichte folgen

Zu Beginn braucht es noch die Unterstützung von Bildern; bald kann es sich das Erzählte vorstellen und lange genug präsent halten, um der Geschichte bis zum Ende zu folgen.

Buchstaben erkennen, Text wahrnehmen

Es kann visuell einen Buchstaben erkennen, selbst wenn er in einer leicht anderen Schrift geschrieben ist. Es weiss vielleicht noch nicht, wie er heisst, aber es kann ihn von einem ähnlichen Buchstaben unterscheiden. Ein K ist kein R. Ein u ist kein v.

Es beobachtet, dass Text (in unserer Schrift) von links nach rechts und von oben nach unten geschrieben und gelesen wird.

Einen Sinn für den Klang der Sprache entwickeln

Da wir meistens lesen, weil uns der Inhalt interessiert, vergessen wir oft, dass uns vor allem der Klang der Sprache berührt. Kurze und lange Vokale erzeugen einen Rhythmus, Reime können uns überraschen und erheitern, egal ob wir von einem Gedicht der Romantiker sprechen oder von Poetry Slam.

Man weiss inzwischen, dass Kinder die sogenannte phonologische Bewusstheit früh entwickeln müssen, damit sie später erfolgreich sind in Rechtschreibung und Sprache allgemein. Man weiss auch, dass dieses Gefühl für Sprache viel wichtiger ist, als vorzeitiges Lesen oder Schreiben lernen.

Gezielt die Vorläufer-Fähigkeiten fördern

Die fünf Vorläufer-Fähigkeiten entwickeln sich über mehrere Jahre von der Kleinkindzeit bis in den Schulbeginn hinein. Und so kannst du sie in euren Alltag von Anfang an ganz entspannt einbauen:

Tägliche Kuschel-Vorlese Momente

Das ist das Allerwichtigste, das du überhaupt tun kannst! Beginne schon deinem Kleinkind ein Bilderbuch „vorzulesen“ resp. zu erzählen. Mache dies so lange, wie es ein Interesse zeigt, auch wenn das am Anfang nur ein paar Minuten sind.

Gehörte Wörter mit 5 Jahren

All das erreichst du gratis und nebenbei, wenn du deinem Kind täglich vorliest:

Sein Wortschatz wächst massiv! Eine Studie der Ohio State University zeigt, dass Kinder, denen nicht vorgelesen wird, bis zum Alter von 5 Jahren ca. 4’600 Wörter hören. Wenn ihnen jeden Tag ein Buch vorgelesen wird, hören sie ca. 300’000 Wörter. Und wenn ihnen täglich 5 Bücher vorgelesen werden, hören sie insgesamt ca. 1,48 Millionen Wörter!

Das Kind erfährt deine Aufmerksamkeit, die Nähe und den Austausch. Deshalb ist Vorlesen auch nicht durch Hörspiele oder Videos zu ersetzen.

Sein Sinn für Grammatik, Wortwahl und Sprachmuster bilden sich zu einem grossen Teil automatisch.

Es entwickelt Vorstellungsvermögen, da es einen „inneren Film“ zum Gehörten herstellt. Dieses Vorstellungsvermögen braucht es später u.a. auch für Textaufgaben in Mathematik.

Seine Ausdauer zuzuhören und seine Konzentration werden immer mehr entwickelt.

Es taucht in andere Welten ein, und erfährt, wie andere Menschen Probleme lösen.

Es steigert sein Gedächtnis, denn es muss das schon Gelesene im Kopf behalten, damit die Geschichte Sinn ergibt. Dies betrifft vor allem das Arbeitsgedächtnis, das einen Teil der Exekutiven Funktionen darstellt.

Wie sollst du lesen?

Keine Angst, wenn du selber kein guter Leser bist! Viel wichtiger als deine Lesenoten von damals sind:

Du geniesst die Kuschel-Lese-Momente!

Du gehst auf dein Kind ein! Du beantwortest seine Fragen. Wie das gehen kann, siehst du in diesem Video. Du bist dabei selber neugierig auf die Geschichte. Ihr stellt euch auch gemeinsam Fragen wie: Was passiert wohl, … (wenn der Junge den Ball schießt)? Was denkst du, … (wohin sie jetzt fahren)? Was würdest du machen?

Mit Fragen aktivierst du auch die Erinnerung an Details: „Ich weiß gar nicht mehr, ob es ein rotes oder blaues Auto war? Weißt du es noch?“

Wenn dein Kind (noch) nicht geduldig ist, um ruhig zuzuhören, kannst du Bücher wählen, die es zum Handeln auffordern, z.B.

Mitmachbücher für Kinder, die noch nicht stillsitzen wollen

Lustvolle Experimente mit Sprache und Klang

Schon ab Babyalter: Alle Eltern auf der ganzen Welt sprechen mit ihren Neugeborenen mit einer höheren Stimme und langsamer, als sie dies sonst täten. Die Sätze sind kürzer und werden häufig wiederholt.

Das erste Plaudern nimmst du auf und gibst es zurück, wie wenn ihr euch „richtig“ unterhalten würdet. Es ist dabei völlig egal, ob du seine (Schmatz-)laute oder Silbenwiederholungen wie bababa einfach wiederholst, denn dein Baby wird entzückt sein, was für ein nettes kleines Gespräch ihr hattet!

Babys hören schon aufmerksam zu

Wie eine Studie in der offiziellen Zeitschrift  des International Congress of Infant Studies zeigt, wird die sprachliche Entwicklung des Kindes besser gefördert, wenn die Eltern so tun, als ob sie die Laute des Kindes wirklich verstehen würden.

Wie in einem „richtigen“ Gespräch wiederholen sie die Worte und betten sie in ihre Antworten ein. Auch mit ihrer Mimik und gesamten Körpersprache geben sie sämtliche Signale eines gegenseitigen Kommunizieren. Und genau das lernt das Baby dabei: Ich bin ein Gesprächsteilnehmer, der ernst genommen wird.

Kleinkinder: Beobachte einmal, wie dein Kind reagiert, wenn du es „ansingst“. Ich kann dir garantieren, dass dich dein Kind noch lange nicht für deine mangelnde Stimmbildung auslacht! Sei also völlig hemmungslos; so eine dankbare Zuhörerin wirst du nie wieder erleben!

Lass dein Kind Klänge erzeugen: Töpfe schlagen, Rasseln schütteln, reiben, wühlen, zupfen, kratzen. Mache deinem Kind beiläufig vor, dass es im Rhythmus der Sprache schlagen kann. Du musst es dabei auch überhaupt nicht korrigieren, sondern einfach experimentieren lassen. Musik machen und mit Kllängen experimentieren

Vorschulkinder: Auch wenn ich dir auf meinem Blog vor allem screen-freie Tipps gebe, muss ich hier das umwerfende Milkshake von Koo Koo Kangaroo einfach empfehlen, denn das ist ein Lied, das auch Kinder ab 4 Jahren begeistern wird. Und dass es auf Englisch ist, spielt keine Rolle. Eigentlich wäre das sogar etwas für deinen 9-jährigen Englisch-Starter!
Du versprichst mir, dass ihr es nicht einfach nur passiv konsumiert, sondern aktiv mitmacht, ja? …dann ist mein Gewissen ja beruhigt!

Beim Klang der Sprache geht es nicht um den Inhalt, sondern um die Form. Und deshalb gibt es viele wunderbare Quatschtexte, in denen kreativ mit der Sprache gespielt wird.

Quatschtexte

Franz Hohler: Es war einmal ein Igel

Gudrun Schury (Herausgeber): Ein Pudel spricht zur Nudel: Komisches für Kinder

Paul Maar: Kakadu und Kukuda

Mikro Siemssen: Das Unterwasser-ABC.

Quatschtexte

Nehmt doch den Ball auf und reimt mit! Seid hemmungslos im Quatsch-Produzieren!

Reime

Gerade Quatschtexte und Reime kann man Kindern immer wieder vorlesen! Kitzle die Reime etwas aus deinem Kind heraus, indem du beim Lesen kurz zögerst, also z.B. „Der blitzgescheite Bademeister brüllte bitterböse……“, und du wartest darauf, dass dein Kind das (ihm durch häufiges Vorlesen bekannte) Reimwort „Scheibenkleister“ sagt.

Die freche Sprech-Hexe, ab 4 Jahren, trainiert Reime.

Spiele zum Anfangslaut:

Diese Spiele sind auch gut für längere Zug- und Autofahrten geeignet oder irgendwo beim Warten.

Worte suchen mit einem bestimmten Anfangslaut:

  • Ich seh‘, ich seh‘, was du nicht siehst, und es beginnt mit einem B. (Du benutzt für Kinder bis ca. 8 Jahre den Laut „b“, nicht den Namen „Be“!)
  • Zähle 3 Sachen auf, die du in deinem Zimmer findest, und die mit F beginnen! Was kennen wir noch?
  • Zähle 3 Sachen auf, die man essen kann, und die mit einem N beginnen
  • Bilde einen Satz, bei dem jedes Wort mit M beginnt. Können wir einen noch längeren Satz bilden?

Mehr Spiele zu Lauten und Silben findest du hier.

Symbole entziffern leicht gemacht

Dein Kind kennt bestimmt schon einige Gesten, die eine Bedeutung haben, wie z.B. den Finger auf den Mund legen, den erhobenen Daumen oder High Five. Ihr könnt natürlich auch eure ganz privaten Geheimzeichen abmachen!

Schon leicht abstrakter sind gezeichnete Symbole wie Piktogramme für die einzelnen Tiere im Zoo, Hinweis-Schilder für Parkplätze, Seilbahnen, WC-Schilder für Damen und Herren, Sport-Piktogramme etc.

Die Bedeutung von Symbolen entziffern

Lass dir helfen:

  • das Schild fürs Museum zu sehen
  • Strassenschilder zu verstehen, z.B. Stopp-Schilder
  • die Piktogramm-Wegweiser im Zoo richtig zu deuten
  • die Packung mit der Aufschrift „Risotto“ zu finden

Wenn dein Kind selber Schilder, Symbole und Schriftzüge entdeckt und dir zeigt, weißt du, dass dein Input erfolgreich war.

Dein Kind hat noch kein Interesse für Symbole?  Lass ihm noch ein paar Wochen Zeit und versuch es dann einfach wieder. Vielleicht musst du auch etwas suchen, das seinen momentanen Interessen noch besser entspricht.
Zum Beispiel kannst du ein paar einfache Verkehrsschilder zeichnen (Pfeil, Rotlicht, Grünlicht, Stoppschild). Wenn Kiddo mit dem Bobby Car unterwegs ist, regelst du mit deinen Zeichen den Verkehr.

Buchstaben ganz gemütlich kennenlernen

mit Buchstaben spielen

Erst wenn dein Kind diese Vorläufer-Fähigkeiten erobert hat, soll es sich aktiv mit Buchstaben auseinander setzen. Und noch lange bevor es diese lesen oder gar schreiben soll, darf es sie ganz gemütlich kennen lernen. Meistens beginnt es von alleine damit, Buchstaben wieder zu erkennen. Es sieht Buchstaben  seines eigenen Namens in anderen Wörtern und sagt vielleicht: „Schau mal, das ist wie Lara!“

In dieser Phase kannst du ganz spielerisch Buchstaben ins Leben deines Kindes bringen, ohne schon mit Arbeitsblättern zu starten! Wie? Natürlich im Spiel!

Buchstaben ausschneiden

  • Schneidet Buchstaben und Wörter aus und klebt sie auf ein Blatt Papier
  • Macht eine Buchstaben-Jagd
  • Spielt eine Variante von Twister
  • Spielt „In den Abfall damit!“
  • Löscht Buchstaben aus
  • Verwendet Buchstaben Kekse-Ausstecher

Wenn du dir für dein Kind wünschst, dass es die 1. Klasse mit Vorwissen, aber auch mit Interesse beginnen kann, bist du bei diesen Aktivitäten genau richtig.

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